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Macht`s doch wie die Dänen

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Qualität geht vor Nähe – das Gesundheitssystem in Dänemark – aber nachmachen wär` hierzulande eine Revolution

Und zu Revolutionen sind wir in Deutschland ja durchaus imstande – also, wenn man mal den Mauerfall 1989 betrachtet. Ansonsten geht es eher darum, Pfründe zu sichern und nichts von seinem Besitzstand herzugeben. Wie man´s anders und konstruktiver macht, zeigte jüngst ein spannender Vortrag von Dr. Elke Berger vom Fachbereich Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Sie hat ihre Promotion über die Reformen im Dänischen Gesundheitswesen geschrieben und gilt als profunde Kennerin des dortigen Systems. Warum also nicht auch hier „Weniger Kliniken, mehr Qualität.“ Eine deutsche Debatte um dänische Lösungen bei einer Veranstalter in Neu-Ulm (Café Fortschritt in der OnkoZert GmbH).

Wie Firmenleiter Andreas Kämmerle schon bei der Einführung – und hernach bei der spannenden Diskussion – bemerkte: wir Deutschen tun uns mit Reformen durchaus schwer. Die Dänen übrigens auch, aber sie kamen dann doch in die Hufe, wie Dr. Elke Berger anschaulich darstellen konnte, weil ihnen das Gesundheitssystem auch alle Haare vom Kopf gefressen hatte. Eine Reform war überfällig.

Das Gesundheitssystem in Dänemark hat sich über mehrere Jahrzehnte vom dezentralen, kommunal organisierten Modell hin zu einem hochzentralisierten, digitalisierten und steuerfinanzierten Sozialmodell entwickelt. Im Vergleich dazu arbeitet Deutschland weiterhin mit dem dualen Versicherungssystem und einer starken Selbstverwaltung der jeweiligen Sektoren, strukturiert aber derzeit zahlreiche Reformen zur Verbesserung von Effizienz und digitaler Infrastruktur.

Historische Entwicklung des dänischen Gesundheitssystems

Dänemarks Gesundheitssystem basierte ursprünglich auf lokalen und regionalen Initiativen, wobei Gemeinden und Regionen eigenständig die Gesundheitsversorgung organisierten und finanzierten. Eine markante Veränderung brachte die Gebietsreform von 2006, die das System zentralisierte und die Krankenhauslandschaft grundlegend umformte: Zahlreiche kleine Kliniken wurden geschlossen und durch wenige große „Superkrankenhäuser“ ersetzt, um medizinische Kompetenzen und Technik zu bündeln. Die Regionen verloren das Recht, eigene Steuern zu erheben, und seit 2008 finanziert eine landesweite Gesundheitssteuer das gesamte System. Die Rolle der Kommunen bleibt aber für Präventionsmaßnahmen und Pflege zentral. Der Staat übernahm eine koordinierende und planende Funktion, um eine landesweit einheitliche Versorgung zu sichern.​

Aktueller Stand des dänischen Gesundheitssystems

Das dänische Modell gilt heute als Vorreiter im Bereich Digitalisierung und Zentralisierung. Die medizinische Versorgung wird von fünf Regionen und 98 Kommunen sichergestellt, über einen zentralen Steuertopf finanziert und bietet allen Bürgern kostenfreien Zugang zu Gesundheitsleistungen, inklusive psychiatrischen Behandlungen. Hausärzte agieren als sogenannte „Gatekeeper“, die Patienten an Fachärzte und Krankenhäuser weiterverweisen. Die Digitalisierung ist weit fortgeschritten – Patientenakte, Terminmanagement und die Kommunikation zwischen Leistungserbringern sind weitgehend digitalisiert. Zuzahlungen fallen nur für wenige Leistungen an, etwa bei Zahnarzt und Medikamenten. Herausforderungen bestehen jedoch bei Personalmangel und Wartezeiten, sowie teilweise längeren Anfahrtswegen nach Schließung kleinerer Kliniken.​

Aktueller Stand des deutschen Gesundheitssystems

Das deutsche Gesundheitssystem beruht weiterhin auf einem dualen Modell mit gesetzlicher und privater Krankenversicherung. Rund 90% der Bevölkerung sind gesetzlich versichert, ca. 10% privat. Die Selbstverwaltung (Kassen, Ärztevertretungen, Kliniken) bestimmt maßgeblich die Versorgung und die Finanzierung. Der Staat setzt den rechtlichen Rahmen, überwacht die Umsetzung und definiert die Standards für medizinische Versorgung und Prävention. Reformbedarf sieht die Politik unter anderem bei der Krankenhausstruktur, der Finanzierung von Pflege und Gesundheitsdienstleistungen sowie bei der Digitalisierung und Entbürokratisierung.​

Vergleich Dänemark und Deutschland

Merkmal Dänemark Deutschland
Organisation Zentralisiert – 5 Regionen, 98 Kommunen​ Dezentral, starke Selbstverwaltung, Bund/Länder/Kommune​
Finanzierung Steuerfinanziert; Gesundheitssteuer, kaum Zuzahlungen​ Dual: Gesetzlich & privat, Beitragsfinanziert​
Krankenversicherungs-status Alle Einwohner automatisch versichert​ Versicherungs- und Meldepflicht, Zwei Systeme​
Digitalisierung Hoch digitalisiert, einheitliche Akten, eHealth​ Digitalisierungsdefizite, regional unterschiedlich​
Krankenhausstruktur Zentralisierte „Superkrankenhäuser“​ Regional diverse Kliniklandschaft, viele kleine Krankenhäuser​
Zugang zu Ärzten Freie Arztwahl, Gatekeeper-System​ Freie Arztwahl, kein ausgeprägtes Gatekeeper-Prinzip​
Herausforderungen Personalmangel, Wartezeiten, lange Wege​ Überalterung, Finanzierung, Bürokratie, Digitalisierung​

 

Fazit

Dänemark überzeugt durch ein stark vereinfachtes, steuerfinanziertes und hochdigitalisiertes System, das allen Bürgern einen gleichberechtigten Zugang zur medizinischen Versorgung bietet. Die deutsche Versorgung ist komplexer und pluralistischer organisiert, mit einer Kombination aus Selbstverwaltung und staatlicher Steuerung, weist jedoch Digitalisierungslücken und eine stärkere Fragmentierung auf. Beide Systeme stehen angesichts des demographischen Wandels und zunehmender Kosten vor strukturellen Reformherausforderungen, die durch einfache Streichlisten nicht zu stemmen sind. Warum das Gesundheitssystem in Deutschland aber auf die Zuzahlung der Direktversicherungsgeschädigten angewiesen ist, spottet eigentlich jeglicher Beschreibung. Macht es wie die Dänen: Reformen – aber zügig. Die Qualität steigt, die Kosten sinken. Und im Übrigen wären genug Finanzen übrig, um die Ungerechtigkeit der Direktversicherungsgeschädigten zu stoppen und zu beheben.

Foto: pixabay

Text: Thomas Kießling

Redaktion: Andreas Reich

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