Text: Michael Rahnefeld Bild: Pixabay – Witt_digital
Die Deutschen sind ein leidensfähiges Volk, zu großen Revolutionen taugen sie nicht. „Wenn sie einen Bahnhof stürmen, kaufen sie vorher eine Bahnsteigkarte“, soll einmal Lenin gesagt haben. Mit dem Ausspruch wird die sprichwörtliche deutsche Regeltreue und Obrigkeitshörigkeit auf den Punkt gebracht, will heißen, dass selbst bei eventuellen Protesten die Ordnung nicht missachtet werden darf. Aber diese Gefahr besteht ohnehin nicht, denn große Proteste gibt es hierzulande nicht, auch wenn unter der Überschrift „Reform“ der Sozialstaat kleingeschnippelt wird.
Dieser Tage wurde der Armutsbericht des Paritätischen mit der Überschrift „Wachsende Armut, schrumpfende Sicherheit“ vorgelegt. Er enthält alarmierende Befunde: (Zitat Anfang) Die soziale Spaltung in Deutschland verschärft sich. 13,3 Millionen Menschen leben in Armut, die Armutsquote steigt auf 16,1 Prozent. Gleichzeitig wächst die Kluft zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen. Während Armut insgesamt zunimmt, verfestigt sie sich besonders bei Älteren, Frauen und Alleinerziehenden. ‚Wir sehen eine Gesellschaft, die sozial weiter auseinanderdriftet. Menschen spüren das. Jetzt immer neue Kürzungen zu diskutieren, schürt Angst und Unsicherheit. Das spielt Populisten und Extremisten in die Hände‘, erklärt Dr. Joachim Rock, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. (Zitat Ende)
Fast zeitgleich meldet die Unternehmensberatung BGC (Quelle ZDF): Rund 5000 Superreiche besitzen mehr als ein Viertel des Finanzvermögens in Deutschland, das sind rund 1100 Menschen mehr im Vergleich zum Vorjahr.
Den Superreichen gegenüber stehen rund 66 Millionen Menschen in Deutschland mit einem Finanzvermögen von unter 250.000 Dollar. Dieser großen Mehrheit gehört ein Drittel (35,9 Prozent) des Finanzvermögens. Dazwischen: rund 3,2 Millionen Menschen mit einem Vermögen zwischen einer Viertelmillion und einer Million Dollar, auf die 11,3 Prozent entfallen.
Ganz oben steht eine Elite: Mehr als 700.000 Multimillionäre halten zusammen mit den rund 5.000 Superreichen über die Hälfte (52,8 Prozent) des Finanzvermögens. (Quelle ZDF)
Während Rentner also Flaschen sammeln, den Rentnern, die vorgesorgt haben, ein Fünftel ihrer Ersparnisse enteignet wird (dvg-ev.org), die Rente insgesamt immer mehr zum Vabanque-Spiel wird, begnügt sich eine schwarz-rote Koalition mit lobby-gesteuerten und feigen Ministern bei Reformplänen mit einem Herumlaborieren an einem völlig zerfledderten, maroden und seit Jahrzehnten ausgeplünderten Gesamt-Sozialsystem. Den Mumm zum großen Wurf, bei dem grundlegend neu aufgebaut, alle Bevölkerungsgruppen mit einbezogen und Privilegien abgeschafft werden, den hat wohl keiner im Team „Eierarsch“ (so bezeichnete FDP-Chef Wolfgang Kubicki zuletzt Kanzler Merz). Die leidensfähigen Deutschen schweigen dazu, nehmen wohl alles hin, was an Horrorbotschaften den angedachten Reformen vorauseilt und werden sich wohl folgsam fügen.
Oder vielleicht doch nicht? Gibt es vielleicht eine Art stille Revolution? So könnte man zumindest die Entwicklungen interpretieren, schaut man auf die Stimmungs- und Meinungszahlen. Die CDU segelt immer mehr ab in Richtung 20 Prozent. Die SPD und die Grünen dümpeln bei 12 Prozent, die „Systemsprengerpartei“ AfD hingegen legt zu und hat die Marke von 27 Prozent erreicht.
Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung verfestigt sich im aktuellen ARD-Deutschland-Trend – während die wirtschaftliche Lage immer schlechter eingeschätzt wird, meldet die Tagesschau.
„Auch der Blick in die eigene wirtschaftliche Zukunft fällt demnach zunehmend skeptisch aus: 53 Prozent der Befragten erwarten, dass ihre Lage in einem Jahr in etwa unverändert sein wird. 38 Prozent rechnen jedoch mit einer Verschlechterung in den kommenden zwölf Monaten – in Ostdeutschland gilt das sogar für fast jeden Zweiten“, heißt es auf der Website der Tagesschau.
In Mecklenburg-Vorpommern, wo in diesem Herbst die ersten Landtagswahlen stattfinden, könnte die „stille Revolution“ an den Wahlurnen erstmals richtig sichtbar werden. Bei über 40 Prozent stehen die blauen Systemsprenger dort. Und es sind keinesfalls alles Nazis und Rechtsradikale, die sich dieser für sie „letzten Hoffnung“ zuwenden. Ihre Hauptintention an der Wahlurne ist das mittlerweile sehr verhasste, angeblich so demokratische System der Etablierten loszuwerden. Die Ignoranz der Regierenden, der Hochmut, das Vorbeiregieren am Volk, die zunehmende Aufweichung zwischen Gerichtsbarkeit und Regierungspolitik, Korruption und die Furcht vor sozialem Abstieg sind das toxische Gemisch, das diese „stille Revolution“ befeuern. Wir gehen keinen guten Zeiten entgegen.
